Das Thema Mobile Health spielte auch auf der diesjährigen dmexco eine Rolle. Grund genug für uns, Ronny Köhler, seines Zeichens Leiter des Labs Mobile Health, dazu ein paar spannende Statements zu entlocken.

Vita

Ronny KoehlerRonny Köhler ist Berater und Key Account Manager bei der wdv Gruppe Bad Homburg und leitet die Niederlassung Dresden. Seit über zehn Jahren entwickelt und betreut er Content Marketing Lösungen für verschiedenste nationale und internationale Kunden aus dem Healtcare Bereich, darunter Krankenversicherungen, Medizintechnik-Hersteller, Selbsthilfeverbände oder auch Apothekenkooperationen. Ronny ist Ingenieur für Medientechnik. Mit der Leitung des Labs Mobile Health beim BVDW kann er seine beruflichen wie persönlichen Interessen an der Weiterentwicklung konvergenter Lösungsangebote für den Gesundheitsmarkt verbinden.

1. Mobile Health ist ein sehr breites Thema – was fällt deiner Definition nach alles darunter, und was vielleicht auch nicht?

Mobile Health ist zunächst ein Teil von Digital Health. Aufgrund der hohen Dynamik in diesem Bereich fällt eine Definition schwer, die morgen nicht schon wieder obsolet ist.
Im BVDW Lab Mobile Health sehen wir das persönliche Smartphone im Zentrum aller Angebote, die Menschen gesund und fit erhalten, im Krankheitsfall aber auch dabei unterstützen, ihre Gesundheit zurückzugewinnen. Dabei schließen wir sowohl private wie auch professionelle Nutzer ein. Untrennbar zum Mobile Health System gehören zudem körpernahe Sensoren in Wearables, Embeddables, Ingestables und Smartclothes. Aber auch Proximity- und IoT-Lösungen, die in Nutzernähe beispielsweise im Smart-Home-Kontext operieren und mit dem Smartphone interagieren.
Insofern sehe ich im BVDW ein ungeheures Entwicklungspotenzial, da wir genau für all diese Themen eigene Labs haben, die untereinander sehr vernetzt  sind, was spannenden Ideen-Austausch und Kooperationen fördert. So entsteht ein einzigartiger Thinktank Mobile Health.

2. Mobile Health soll Einzug in unsere Alltagswelt halten – diese Vision war auch Thema auf der diesjährigen dmexco. Was kommt in Zukunft auf uns zu?

Das enorme Interesse am Seminar „App oder Arzt“ hat uns überrascht. Denn der Gesundheitsmarkt stand auf der dmexco bislang gar nicht so sehr im Fokus. Das zeigt, wie wichtig das Thema ist und noch werden wird. Wir befinden uns gerade in einer extremen Aufbruch-Phase in der – gemäß dem dmexco-Motto – alles digitalisiert wird, was möglich ist. Dabei entstehen natürlich auch erst mal redundante und sich überschneidende Lösungen unterschiedlichster Qualität. Die Breite und Tiefe der Angebote bei Ernährungs- und Fitness-Apps ist ein Beispiel. Ein anderes ist das Thema Sturzprävention und -überwachung, das sowohl über Wearables, intelligente Bodenbeläge oder Kamera-Systeme angegangen wird. Der derzeitigen Sturm-und-Drang-Phase wird künftig also eine Phase der Konsolidierung und Integration folgen. Ein Stichwort ist hier die Interoperabilität, die ein Schwerpunkt der E-Health-Gesetzgebung wird. Insbesondere für Lösungen, die von den Krankenkassen erstattet werden sollen, werden Standards für den Datenaustausch von elektronischen Gesundheitsakten oder der staatlichen Telematik-Infrastruktur entscheidende Bedeutung haben. Zudem wird die Qualität der Lösungen immer wichtiger. Einerseits durch kontinuierlich leistungsfähigere Technik und Algorithmen, künstliche Intelligenz und Vernetzung, andererseits durch zunehmende gesetzgeberische Normungen und angepasste Rahmenbedingungen. Was noch fehlt, sind Zertifizierungsstellen, die Nutzern und Entwicklern gleichermaßen Sicherheit geben. Nicht unwahrscheinlich ist auch die Einführung spezifischer Qualitätsanforderungen für Health-Apps in den Appstores.

3. Und für wen ist das Thema aktuell besonders relevant?

Zunächst erfasst die Digitalisierung die Akteure im Zweiten Gesundheitsmarkt – dort gibt es ein tatsächliches, von Angebot und Nachfrage geprägtes Marktgeschehen. Das trifft alle etablierten Teilmärkte, egal ob Wellness- oder Gesundheistvorsorge, Gesundheitstourismus, Online-Handel mit OTC-Medikamenten, Ernährung oder psychoedukative Angebote. Die hohe Marktdurchdringung von Smartphones, die Mobilfunkabdeckung, die zunehmende Gesundheitsorientierung der Bevölkerung und neue Motivationsmöglichkeiten durch Social Media, Gamification oder Augmented Reality, all das findet im Bereich Mobile Health auf geradezu logische Weise zusammen. Zudem bringt die Digitalisierung auch völlig neue Player auf den Gesundheitsmarkt, beispielsweise Automobil-, Möbel- oder auch Küchengeräte-Hersteller.
Der aufgrund seiner Regulierungen und dem vorherrschenden Sachleistungsprinzip der gesetzlichen Krankenkassen Erste Gesundheitsmarkt ist im klassischen Sinn weniger als Markt aufgestellt. Die Dynamik auf Anbieterseite wird hier durch die noch nicht ausreichend angepassten Regularien verlangsamt. Vor allem der Marktzugang muss geregelt werden. Dazu gehören gemeinsame Standards und Interoperabilität, die auch Start-Ups und kleinen und mittelständischen Unternehmen die Chance bietet, in überschaubarer Zeit ihre Lösungen auf den Markt zu bringen. Die ärztlichen wie nicht-ärztlichen Leistungserbringer sollten nicht zu sehr abwarten, sondern die Entwicklung aktiv und aufgeschlossen mitgestalten.
Persönlich sehe ich auch Chancen für Unternehmen aus dem Bereich Content-Kreation und Distribution, denn der persönliche Health-Score, den mir meine Fitness-App auswirft, ist ohne Erklärung wenig wert. Was kann ich bei diagnostiziertem Schlafmangel oder Übergewicht tun? Welche Ernährungsumstellung kommt für mich infrage usw. Zudem wird das Thema Motivation immer wichtiger. Wir sehen bereits heute, dass viele HealthApp- und Wearable-Nutzer nach wenigen Wochen das Interesse verlieren. Da kann man mit emotionalen und nutzwertigen Inhalten gegensteuern. Das Smartphone liefert uns dabei die Informationen, um dem Nutzer Kontext-sensitiv und effizienter als früher Unterstützung zu liefern.

4. Wo stehen wir mit dem Thema in Deutschland im internationalen Vergleich?

Es kam auf dem dmexco-Panel schon zur Sprache: Immer noch zieht es viele Mobile-Health-Gründer in die USA, weil dort ein wesentlich stärkerer Selbstzahler-Markt gegeben ist, was schnellere Einnahmen und Wachstum verspricht. Allerdings sehe ich das nicht unbedingt negativ. Letztlich geht es immer um Marktzugang, da muss man so oder so einen Fuß im amerikanischen und auch im asiatischen Markt haben. Im Vergleich mit einer Milliarde Indern wirken 80 Millionen potenzielle deutsche Nutzer plötzlich nicht mehr ganz so beeindruckend. Insofern sollte auch der europäische Binnenmarkt mit gemeinsamen Standards für Datenerfassung-, -verarbeitung und -austauch im Healthcare-Bereich schneller vorankommen. Die EU hat gerade einen Code of Conduct erarbeitet, an dem sich Entwickler orientieren können. Letztlich muss man es auch positiv sehen: Made in Germany ist immer noch ein Gütezeichen, auch wenn die Anbieter von hier aus nicht den Heimatmarkt sondern ausländische Märkte adressieren. Wer allerdings auf dem deutschen Markt den datenschutzrechtlichen Anforderungen gerecht wird und bei Krankenkassen und Ärzten Vertrauen aufbauen kann, der sollte überall auf der Welt beste Chancen sehen. Frei nach Sinatra: „If you can make it there …“
Erfreulich ist auch, dass es zunehmend bessere Finanzierungsmöglichkeiten für Gründer gibt. Wir sehen immer mehr Acceleratoren und VCs aus und in Deutschland mit speziellem Fokus auf Digital beziehungsweise Mobile Health. Gerade für den Ersten Gesundheitsmarkt braucht es schon einen langen finanziellen Atem, bis eine Lösung tatsächlich von den Kassen erstattet wird. Abgesehen von ersten Erfolgen über Einzelverträge mit wenigen Krankenkassen hat es bislang – soweit ich weiß – noch kein Mobile-Health-Anbieter bis in die reguläre Erstattung geschafft.

5. Welche Aspekte kann man schon heute erleben, und welche sind noch Zukunftsmusik?

Mit der Antwort könnte man sicher Bücher füllen. Zunächst sollten wir zwischen den beiden Szenerien „Gesund bleiben“ und „Gesund werden“ unterscheiden. Für die eigene Gesundheitsvorsorge kann ich heute bereits in jeder Situation per Smartphone und Wearable umfangreiche Daten sammeln und direkt auswerten lassen. Bewegungslevel oder Herzfrequenz sind da nur der Anfang. Künftig müssen immer weniger Daten mühevoll selbst eingetippt werden. Schweißsensoren analysieren bald die Effektivität meines Trainings, helfen dabei einen Flüssigkeitsmangel zu erkennen, warnen bei zu hoher Stressbelastung und erkennen sogar depressive Zustände. Andere Smartphone-Sensoren werden irgendwann den Energiegehalt meines Mittagessens analysieren und setzen dies automatisch in den Kontext meines tatsächlichen Energieumsatzes, um meinen Trainingsplan und die Rezeptauswahl fürs Abendessen anzupassen. Und da mein Kühlschrank schon heute seinen Inhalt erkennt, schlägt er mir die fehlenden Zutaten geolokalisiert direkt per Smartphone in dem Moment vor, in dem ich gerade an meinem Supermarkt vorbeilaufe.
Habe ich akuten medizinischen Bedarf, kann ich in einigen Großstätten bereits heute per App meine Symptome schildern und bei Bedarf einen Hausbesuch oder eine Videoberatung anfordern. Der Arzt, der in so einem Dienst angemeldet ist, bekommt den Patienten automatisch zugewiesen und kann bestenfalls mehrere Besuche bereits Routen-optimiert kombinieren. Denkt man das mal weiter, stellt sich vielleicht die Frage, ob man sich als Arzt künftig noch über eine eigene Praxis definieren muss. Der sogenannte Arztvorbehalt wird durch Mobile Health vermutlich weiter aufweichen, um die Versorgung der Zukunft effektiver sicher zu stellen. Vor dem Einsatz medizinischer Leistungserbringer als begrenzter und kostenintensiver Ressource, werden weitere Eskalationsstufen kommen. Künftig bieten Medical Apps intelligentes Therapie-Monitoring in Kombination mit zertifizierten Wearables und immer leistungsfähigere sogenannte Near Patient Diagnostic. Damit setzt sich eine lange Entwicklung fort, die die Diagnostik von speziellen Laboren über klinische und ambulante Einrichtungen und schließlich direkt zum Patienten nach Hause getragen hat. Die Blutzuckerselbstkontrolle bei Diabetes ist das bekannteste Beispiel. Künftig werden auch komplexere Blutuntersuchungen mit mobilen Devices möglich sein. Das bedeutet, dass ich ein kontinuierlicheres Monitoring meiner Therapie und eine schnellere Diagnose im Krankheitsfall habe. In der Folge benötige ich weniger direkte Arztbesuche und die Datengrundlage für computergestützte Therapieentscheidungen des Arztes verbessert sich. Zudem werden Patienten räumlich unabhängiger werden, da die Therapiebegleitung und -überwachung überall und in jeder Situation möglich sein wird.

 

Vielen Dank!